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Interview mit Tyree Glenn jr. (1)

Tyree Glenn jr. ist einer der berühmtesten Jazz Musiker der USA und Deutschlands. Er kommt ursprünglich aus den USA, sein Vater spielte schon mit Louis Armstrong zusammen. In den letzten Jahren tourte er gemeinsam mit Helge Schneider durch Deutschland und spielte Konzerte.

Neben seiner musikalischen Tätigkeit, ist er ehrenamtlich für die National Alopecia Areata Foundation (www.naaf.org) in San Rafael California, USA tätig, die gegen krankhaften Haarausfall kämpft. Im weitesten Sinne ist er also auch eine Krauselocke, nur eben ohne Haare 🙂

Im ersten Teil des Interviews erzählt er, wie es war vor 30 Jahren als Schwarzer Amerikaner nach Deutschland zu kommen, was Oldschool R&B und moderner Hip Hop und R&B à la 50Cent gemeinsam haben. Würde Tyree Glenn jr. noch ein paar Jahre jünger sein, man könnte wohl sagen dass er definitiv den SWAG hat! 

Mr Glenn, Sie touren gerade mit Helge Schneider durch Deutschland. Wie kamen Sie dazu? 
Helge ist ein alter Freund von mir. Bereits 1979/80/81spielten wir zusammen in einer gemeinsamen Band. Später formierte ich meine eigene Gruppe.

Wenn Helge auf der Bühne sagt, wir kennen uns seit 35 Jahren, dann ist das wahr [lacht]. Ja, ab und zu haben wir uns gesehen und „Hey, Mann, wie geht’s?“ gesagt. Und vor einem Jahr, ich spielte in Duisburg, kam er vorbei und fragte mich, ob ich eventuell mit ihm auf Tour gehen möchte. Und ich sagte, ja, warum nicht?!. Und so ist die heutige Situation entstanden, dass ich als Gast auf seiner Tournee mit dabei bin.

  
Mit IraColeman am Bass und Ihnen am Saxophon stehen gleich zwei Musiker mit afroamerikanischen Wurzeln auf der Bühne. Glauben Sie, dass dem irgendeine Bedeutung beizumessen ist? Und, wie ist ihr Verhältnis zum Thema „Hautfarbe“? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? 
Naja, mit Ira zu spielen macht unwahrscheinlich viel Spaß. Er ist ein sehr erfahrener und top Bassist. Dass wir hier zusammen spielen können, ist natürlich fantastisch. Das Ganze ergab sich, als Helge verschiedene Bandmitglieder wechselte. Ira kannte ich zuvor nicht persönlich. Die Geschichte ist, dass er (Helge, Anm. JL) Ira schon immer in seiner Band haben wollte. Ira war vor 30 Jahren in Deutschland und Helge sagte, er habe ihn dort kennen gelernt oder zumindest irgendwo gesehen. So entstand in Helge der Wunsch,  Ira aus Amerika nach Deutschland zu holen. Ira spielte in der Vergangenheit öfters mit Sting. 

„White people don’t realize, we – blacks – come in all different flavours.“  Tyree Glenn jr. 

Was war die Frage, wegen Hautfarbe? Vor Jahren sagte in Amerika der berühmte Komiker Redd Foxx (u.a. ein alter Freund unserer Familie) : „White people don’t realize, we – blacks – come in all different flavours.“ Hautfarbe, vor allem  in der Musik, spielt keine Rolle. Wichtig ist die mitgebrachte Erfahrung, Alles ist eine Frage der Umgebung.

Zum Beispiel, Du bist Deutsche! Richtig? – Ja – Okay, Deine Hautfarbe ist dunkel, aber Du bist Deutsche, wie meine Tochter. Sie ist farbig, aber in erster Linie Deutsche. Für mich ist es davon abhängig, wo man aufgewachsen ist. Nicht die Hautfarbe. Wenn Du in New York geboren und in der Bronx aufgewachsen wärst, dann wärst Du Amerikanerin. Du siehst aus wie eine Amerikanerin, aber wenn einer kommt und fragt „Hey Baby, where are you from? New York? Califorina?“ Und Du sagst „Deutschland.“ Er sagt „Hää?“, so ist wahrscheinlich die Reaktion eines Afroamerikaners.

Mr.Glenn jr., Sie sind seit über 50 Jahren im „Show Business“ tätig. Erzählen Sie uns doch ein bisschen von den Anfängen ihrer Karriere. Wie kamen Sie zur Musik?

Oh, oh… wie kam ich zur Musik? Klar, mein Vater war Jazzmusiker. Ich bin also in einer musikalischen Umgebung aufgewachsen. Aber ehrlich gesagt hatte ich nicht die Idee, Musiker zu sein. Mit 13 ging ich in der Bronx zur Schule.  Der Unterschied zu einer Schule in Deutschland ist, dass in Amerika alle Schulen ein eigenes Orchester haben. Leider ist das hier in Deutschland nicht der Fall.

Jedenfalls, in der Bronx hatten wir an meiner Schule ein Jazzbandorchester. Bei einem Konzertbesuch erlebte ich zufällig einen Baritonsaxophonisten. Ich war von seinem Spiel absolut hingerissen. Mein Vater war vor allem Posaunist und auch Vibraphonspieler…. Ich war so hingerissen vom Saxophonspiel, dass ich nach dem Konzert dem Musiker nach Hause folgte bis zu seinem Appartement in der Bronx,  weil ich absolut dieses  Instrument zu spielen lernen wollte. Nur, ich bekam ich beim ersten Versuch keinen einzigen Ton heraus.

Von dieser Begegnung an war ich wie verzaubert und total “besessen vom Wunsch Saxophon zu spielen. In der Schule gab es die Möglichkeit  ein Instrument zu  erlernen und da habe ich Saxophon gelernt. Mein Vater hat mir ein Altsaxophon besorgt von der Seite meiner Mutter, „Godmother“ wie heißt das? – Taufpatin – , ja die Taufpatin meiner Mutter, sie war Saxophonistin. Sie hat mir ihr Altsaxophon gegeben und so habe ich angefangen Saxophon zu spielen. Bald darauf sind wir nach New Jersey gezogen, und dort startete ich in einer kleinen Band, das  war 1954. Der damalige Schlagzeuger ist heute großer  Hollywoodschauspieler: Peter Coyote. Er hat angefangen bei Spielberg. Er war der Arzt, der E.T. im Movie gerettet hat. Seitdem dreht er Hollywood-Filme und ab 1954 haben wir zusammen in einer Band gespielt. 

Später spielte ich auf der High School. Aber auch dann wollte ich mich noch nicht darauf festlegen Musiker zu werden. Mein Vater sagte immer, dass man ein zweites Standbein haben, sollte –  als Sicherheit. So kam es, dass ich mit 18 aufs Marietta  College in Ohio ging. dort lernte ich in den ersten Monaten einen Sänger kennen: Wayne Bartlett. Ich habe bald in seiner Band mitgemacht und wir haben mehr oder weniger 45 Jahre zusammen gespielt. Er ist leider vor einigen Jahren in Essen gestorben.

Richtig, wir hatten eine Band während meiner Collegezeit. Als ich 18,19, 20 war, sind wir im Sommer  immer durch Pennsylvania getourt. Und nach dem College haben wir gesagt, okay, machen wir weiter mit der Band und sind nach New York City gegangen. How do you say „we struggled“ – wir mussten kämpfen – eine  Arbeit zu finden. Aber wir hatten eine starke Band! 

“Wir waren die Number 1 Band in New York, und mit den Beatles im bekanntesten Club der Stadt” 

Die ganze Geschichte würde hier zu lange dauern. Aber durch Zufall traten wir in einem Club auf und ein Manager hat uns gesehen und hat uns unter seine Fittich genommen. Er führet uns in einem sehr bekannten Club in New York City ein: TRUDY HELLER’S in Greenwich Village. Durch unsere Auftritte in diesem Club wurden wir sehr bekannt, wir waren ein großer Hit. Mit einem Schlag waren wir die Number 1 Band in New York. Anschliessend folgten Auftritte in der Peppermint Lounge. Die Peppermint Lounge machte damals den Twist weltberühmt. Hier lernte ich auch die Beatles kennen und habe an jenem Abend vor für sie gespielt. 

 

Video: http://www.youtube.com/watch?v=0vGXbAY5SMs 

Welche Musikstile spielen Sie? 
Rhythm and Blues. R & B. Aber „Old School“ aus den 50ern, 60er und 70er Jahren. Wir spielen mit der Band hier in Deutschland auch moderne Stücke.. Aber im Prinzip möchte ich den jungen Menschen zeigen, wie es damals war, in den 60ern und 70ern. Weil sie zu jung sind, sie kennen das nicht. 

James Brown oder Otis Redding – ich erinnere mich!” 

Jüngere Menschen sagen „Ottis Redding?“ You know, und dann singe ich ihnen zum Beispiel „Dock of the Bay“ Kennst Du das? „Sitting in the Morning Sun…“? Das ist Ottis Redding. Und genau das ist der Grund, warum ich old school R&B spiele. Kennst Du die Blues Brothers? – Ja – Okay, kennst Du den Song dödödöd dödöd dööö dö dö dööö… Die Blues Brothers spielen das und ich auch. Das ist „I can‘ t turn you loose“ Und dieser Song ist von Ottis Redding. Den habe ich auch mit auf meine CD genommen. Ich habe gedacht, welche Musik mag ich und welche Musik spiele ich am besten, und das ist R&B, die Musik aus den 60ern, mit der ich aufgewachsen bin.  Die Musik von heute, das ist Deine Musik. Und in 30 Jahren sagt Du ich erinnere mich an…. Aber Leute in meiner Generation, sie sagen „Oh, James Brown“ oder „Ottis Redding, ich erinnere mich“. Alles geht weiter!  

Ihr Vater, Tyree Glenn sr., ist ebenfalls ein bekannter Musiker. Er spielte unter anderem mit Louis Armstrong; Sie sind also mit dieser Musik groß geworden. Wenn Sie die Entwicklung betrachten. Welche Unterschiede sehen Sie? Welcher(n) Entwicklung(en) stehen Sie positiv, welcher(n) negativ entgegen?  
Gute Frage. Ich bin natürlich aufgewachsen in einer Zeit, wo Musik mehr Power hatte. Was mir heute fehlt, das ist Musik mit Tempo und Power. Heute, was wir R&B nennen, ist laid back. Das Tempo ist langsam. Weißt du, es gibt gute Musik heute. Zum Beispiel 50 Cent. Kennst Du „In da Club“? da da.da da. Aber Musik von James Brown wie „Sex Machine“, mit ein bisschen mehr Tempo oder Power, das fehlt mir. Meine Frage ist immer, wo ist die Power? Where is the Power? Wo ist der Sound that makes you wanna get up off your seat and dance? Musik, you know, Duke Ellington hat einmal gesagt: “It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing.” Du kennst den Song nicht, aber es ist wahr. Für mich, Music „Must make me wanna get up and dance”!  Sie muss mich vom Hocker reißen! Es gibt wenig Musik, die das heute tut. Leider!

“Kennst du “In da Club, da da. da da. Meine Frage ist, wo ist die Power?”

Sie haben gerade schon aktuelle Musiker angesprochen. Ich würde jetzt mal sagen, Rapmusik wird zum Beispiel mit P.Diddy, 2Pac oder Kayne West assoziert. Beyoncé oder Jamie Foxx werden als R&B-Musiker angeführt. Wie sehen Sie ihr Verhältnis zur Musik von heute? 
 Ich finde viele Dinge sind sehr kreativ. Es gibt viele gute Ideen. Ich mag Rapmusik.  I like it. Es ist nicht die Musik die ich singen werde oder kann. Ich bin kein Rapper. Ich mache vielleicht ein paar Songs an der Grenze zum Rap.“ Aber, wichtig ist, dass die Leute die Texte verstehen können. Und manchmal, gerade im Rap, sind die Texte so durcheinander. [Schmunzelt]. Ich bin ein großer Fan von Eminem, aber ich wunder mich immer, wie er den Text im Kopf behalten kann. So viel Text! Das ist für mich ein Achtungserfolg, sagt man das so?

Ja, aber sie behalten sich doch auch hundert Noten! 
[lacht]. Ja, aber ich muss sie nicht so schnell rausgeben. Und, viele Raptexte haben keinen Bezug zueinander. Es geht nur um das Reimen. Texte haben manchmal einfach keinen Sinn. Hey baby, I want you to go, look out the window and here comes the snow … es ist eine ganz andere Art von Text und Musik. Es gefällt mir! Aber viele Songs sind vom Tempo her immer dasselbe. Ich würde gerne eine Mischung von temporeicher & laid-back Musik sehen. Wo ist das Chuck dudu, chuck dudu,…?  Power! Ich bin ein Powermensch.

Interview von Johanna Lukate für KrauseLocke.de 

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